Instagram als Plattform für Essstörungen
Auf den ersten Blick scheint Instagram die Plattform der schönen Bilder zu sein. Dein ehemaliger Klassenkollege postet seinen Kletterurlaub in den Anden, deine Klavierlehrerin isst die geilste Cevice außerhalb von Peru und dein Expartner? Tja, der macht gerade Cluburlaub auf der AIDA. Aber die sonnige Seite wirft auch einen harten Schatten: Instagram verändert unsere Selbstwahrnehmung und zeigt uns, wie wir aussehen sollen. Wer hübsch und dünn ist, kriegt viele Likes. Gerade für Menschen mit Essstörungen – laut dem Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik sind das über 150.000 bis 200.000 Menschen in Deutschland – bietet die Plattform ein Forum dafür. Niemand entscheidet sich bewusst dafür, an einer Essstörung zu erkranken. Meistens führt die Abwärtsspirale über harmlos erscheinende Ernährungstipps, die der Weg zu einem scheinbar perfekten Körpern sind. Als reine Bildplattform eignet sich Instagram natürlich perfekt, um seinen Körper bewerten zu lassen – und das bestärkt Erkrankte natürlich in ihrer verzerrten Selbstwahrnehmung, wenn andere Erkrankte ihnen Zuspruch geben.

 

#recovery: Instagram als Therapiemöglichkeit
Schätzungsweise gibt es über 400 Pro-Anorexie-Websites. Durch den regen Austausch der User haben sich gängige Schlagwörter etabliert, die auf Social Media in Hashtags wie #probulimia und #proanorexia übersetzt und verbreitet werden. Natürlich ist sich Instagram seinem Problem bewusst. Die Plattform verschärfte die Richtlinien, um die Verbreitung von Essstörungen zu verhindern. Ein großer Teil von verdächtigen Hashtags können über die Suchfunktion nicht mehr gefunden werden oder enthalten Warnhinweise. Allerdings kämpft die Plattform immer noch gegen die Kreativität der User, die immer wieder neue Schreibweisen für ihre Hashtags erfinden.

Wenn Du Dich jetzt fragst, warum Instagram verdächtige Profile nicht einfach sperrt, ist die Antwort denkbar einfach: So schlimm Instagram auch die seelische Gesundheit von Betroffenen verschlimmern kann, so sehr kann es sie auch verbessern. Oft sind offensichtliche Hashtags auch eine Möglichkeit für Betroffene sich untereinander auszutauschen. Unter #recovery posten z.B. viele Patienten Bilder von ihrem aktuellen Essen. Das tun sie, um ihrer Community zu zeigen, dass sie heute in ihrer recovery - so der Fachbegriff für die Therapie- wieder einen kleinen Schritt vorangekommen sind. Für die Erkrankten ist es wichtig, Routinen zu finden, sich unter Gleichgesinnten auszutauschen und Zuspruch von der Community zu bekommen. All das bekommen sie bei regelmäßigen Postings.

Oft finden sich hier auch Idole, die bereits den gleichen Weg wie die Betroffenen gegangen sind und die eine Art Vorbildfunktion einnehmen. Aber gerade auf einer Plattform wie Instagram ist der Grad zwischen einem gesunden Körpergefühl und Abmagerung sehr schmal, sodass Betroffene schnell wieder mit schlechten Gedanken infiziert werden können – und damit auch in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen.

 

Es liegt nicht an Instagram
Alles in allem birgt Instagram durch seine Bildlastigkeit zwar Gefahren für psychisch labile Personen, das Problem ist hier aber nicht die Plattform an sich, sondern was das gängige Schönheitsideal aus ihr macht. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Wenn Instagram irgendwann nicht mehr ist, sucht sich die Magersucht einfach eine neue Plattform, auf der sie Menschen manipulieren kann.

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